s Startseite s Motorrad-Kaufhaus s Bücher Alfred Müller s Reportagen s Kontakt s Routenplaner s Presse s Zuletzttaktualisiert am:3/23/2006
sardinien-tour Hier könnte Ihre
Werbung stehen
Auf Gottes kleinstem Kontinent

Als der liebe Gott die Welt erschaffen hatte, und sich zufrieden zurücklehnte um sein Werk zu betrachten, kam plötzlich der Erzengel Michael zu ihm und sagte: „Du hast etwas vergessen. Im Mittelmeer gibt es noch einen kahlen Felsen.“ Reumütig kehrte Gott zurück und schenkte der Insel all das Schöne, das er auf der ganzen Welt schon ausprobiert hatte. So entstand Sardinien. Diese Legende erzählen sich die Sarden von der Entstehung ihres kleinen Kontinentes.

Es ist halb sechs Uhr morgens. Der Boden unter mir zittert, die Luft schmeckt nach Salz, mein Schlafsack ist feucht von der Nachtluft. Ich liege auf dem Oberdeck der „Sardegna Nova“. Noch etwa eineinhalb Stunden, dann sind wir auf Sardinien. Dann haben wir Gelegenheit, selbst zu sehen, was an der sardischen Legende dran ist.

Pünktlich um 7 Uhr legt das Schiff an. In der Morgensonne rollen wir auf den Kai. Wir wollen zuerst in den Norden, zur berühmten Costa Smeralda. Über Nebenstrecken fahren wir nach Porto Cervo, dem Herzen der Costa Smeralda.

Es war im Sommer 1960: Prinz Karim Aga Khan, ein direkter Nachfahre des Propheten Mohammed und Multimilliardär, kreuzte mit seiner Yacht durchs Mittelmeer. Der damals Zwanzigjährige entdeckte die Costa Smeralda und verliebte sich in dieses wunderschöne Fleckchen Erde. Er beschloss, das kleine Paradies zu kaufen. Zusammen mit anderen Superreichen gründete er ein Konsortium und kaufte den Bauern 5000 Hektar Land mit 55 km Küste und über 80 der schönsten Strände der Insel ab. Innerhalb weniger Jahre investierte das Konsortium 150 Millionen Euro, baute eine Feriensiedlung der Superlative: Luxushotels, Yachthäfen, Wohnhäuser, Flaniermeilen. An der Costa Smeralda machen die wirklich Reichen Urlaub. Und nur sie können sich den Urlaub dort auch leisten: Hotelzimmer gibt’s erst ab mehreren Hundert Euro, Liegeplätze im Yachthafen kosten bis zu 2500 Dollar – pro Tag, versteht sich.

So schön die Costa Smeralda ist - für Motorradfahrer ist sie kein Ort, um länger zu bleiben. Wir fahren weiter nach Norden, zum Campingplatz Capo d’Orso. Den schattigen Platz mit vielen kleinen Plateaus direkt am Meer haben uns Einheimische empfohlen. Zu Recht: Der Platz ist ruhig, sauber, preiswert und verfügt über ein ausgezeichnetes Restaurant.

Am nächsten Morgen krabbeln wir schon früh aus dem Zelt. Wir wollen zum Monte Limbara, dem höchsten Bergmassiv der Insel.

Auf der SS 125 fahren wir zunächst nach Arzachena. Dort gibt es einige der bedeutendsten Gigantengräber der Insel. Das Volk der Nuraghier beerdigte seine Toten in riesigen Gemeinschaftsgräbern. Manchmal fanden bis zu 200 Angehörige in diesen Anlagen ihr letzte Ruhestätte. Die Sarden glaubten, daß die Nuraghier mit Riesenkräften ausgestattet waren, nannten die Gräber später „tombe dei giganti“ – Gigantengräber. Rund 10000 Steinhaufen, sogenannte Nuraghen, türmten sie auf der Insel. 7000 davon sind zum Teil noch gut erhalten. Und niemand weiß genau, wofür sie einmal gebaut wurden.

Die Straße Richtung Sant Antonio di Gallura ist ein Traum für Motorradfahrer: rauf und runter, rechts und links, kahle Felsen, grüne Täler – hoffentlich hört das nie auf. Von Tempio windet sich in tausend Kurven eine winzige Straße hinauf zum Monte Limbara. Der Weg ist oft nur knapp über zwei Meter breit, mit Schlaglöchern übersät.

Auf den Gipfel des Monte Limbara hat das Militär einen riesigen Antennenwald gepflanzt - Sperrgebiet. Wenige Meter darunter steht eine überlebensgroße Muttergottes, davor Kerzen, Blumen und Devotionalien. Doch das Panorama entschädigt: Am Fuße des Berges sieht man Tempio, weiter hinten die schroffe Landschaft des Nordens und am Horizont bei klarem Wetter sogar die Gipfel der korsischen Dreitausender.

Nachdem wir uns sattgesehen haben, bummeln wir über die kleinen Straßen zurück zum Campingplatz.

Am nächsten Morgen steht ein Besuch der Insel La Maddalena auf dem Programm. Jede halbe Stunde fährt ein Roll-on-roll-off von Palau zur Insel. 3 Euro kostet die Fahrt pro Person, ziemlich happig wird´s fürs Mopped: fast 8 Euro verlangt „Saremar“ für den 20-Minuten-Trip hin und zurück. Wir haben noch Zeit, trinken einen Cappuccino. Pünktlich zur Abfahrt kommen wir an. Doch leider hat die Besatzung die Leinen schon losgemacht, zieht gerade die Auffahrtsrampe hoch. Wir hupen wild, rufen, schimpfen, schütteln die Fäuste – vergeblich. Das Schiff fährt ohne uns ab.

Mit dem nächsten Dampfer kommen wir schließlich in La Maddalena an. In der gleichnamigen Hauptstadt leben fast alle der rund 12000 Insulaner. Kein Wunder: Das Städtchen ist wirklich ein Traum: granitgepflasterte Straßen, bunte Häuser mit schmiedeeisernen Balkonen, kleine und große Plätze, auf denen das Leben pulsiert und ein Hafen, in dem ständig Schiffe anlegen.

Zweimal umrunden wir die kleine Insel, staunen über die felsige Landschaft, die nach jeder Kurve anders aussieht. Inzwischen ist es Nachmittag, wir holpern die Straße von Caprera nach La Maddalena zurück. Pünktlich zur Abfahrt des Schiffes sind wir da – und schon wieder zu spät. Wie zum Hohn tutet der Dampfer ein letztes Mal und rattert davon. Wir warten wieder mal auf den nächsten.

Es wird Zeit, die Rundreise um Sardinien zu starten. Zunächst fahren wir zum nördlichsen Zipfel der Insel, nach Santa Teresa. Dort beginnt eine der schönsten Strecken Sardiniens. Vorbei an Traumstränden mit weißem Sand führt die Straße nach Süden. Viel zu schnell vergehen die Stunden bis wir das mittelalterliche Städtchen Alghero erreichen.

Es wurde im 11. Jahrhundert von der genuesischen Herrscherfamilie Doria ausgebaut und befestigt. Im 14. Jahrhundert eroberten die Spanier den Ort, vertrieben Genueser und Sarden. Es gibt noch immer viele spanische Einflüsse in Alghero: Architektur, Lebensstil, Essen und Trinken.

Am nächsten Tag packen wir in aller Frühe die Moppeds. Schon jetzt glüht der Asphalt – Vorgeschmack auf einen heißen Tag. Gemütlich tuckern wir Richtung Süden, raus aus Alghero. Die Küstenstraße runter nach Bosa macht so richtig Laune: Jede Menge Kurven, Steigungen und Gefälle, rechts das Meer, mal türkis, mal kitschig-blau, hinter jeder Ecke neue Ausblicke.

Die Landschaft wird flacher und schließlich erreichen wir die Halbinsel Sinis, eine flache, ca. zehn Kilometer lange und fünf Kilometer breite Landzunge im Meer. Es ist lange nach Mittag, wir haben Lust auf ein Bad. Der Strand auf Sinis ist kilometerlang und schneeweiß. Das Wasser seicht, warm und klar. Ein paar Einheimische machen Siesta. Etwa 20 Meter von uns entfernt sitzt eine junge Sardin in neongrünem Bikini, spielt mit ihrem Schäferhundwelpen. Der Hund läuft zu uns, macht die Klamotten voller Sand. Frauchen rennt hinterher und entschuldigt sich – wer kann bei so einem Lächeln böse sein? Nach einer Stunde in der prallen Sonne sehen wir aus wie Krebse. Nichts wie weiter!

Im Süden von Sinis liegt Villagio San Salvatore. Ein Dorf, das in aller Welt bekannt ist: In diesem Geisterdorf drehten Film-Größen wie Clint Eastwood („Für eine Handvoll Dollar“), Bud Spencer und Terence Hill („Vier Fäuste für ein Halleluja“). Wir tuckern mit unseren Bikes durch die Gassen der verlassenen Stadt. Die Motoren, die im Standgas laufen, sind das einzige Geräusch, das wir hören. Der Wind wirbelt Staub auf – wo sind die Revolvermänner?

Für ihre Western haben die Filmleute an den Ortseingang einen waschechten hölzernen Saloon hingestellt – das einzige Gebäude, das offen ist und auch bewirtschaftet wird. Wir stellen unsere Stahlrösser direkt vor der Schwingtür ab. Breitbeinig – vom langen fahren? – staksen wir rein und bestellen: San Pellegrino. Ohne Kohlensäure.

Die Fahrt durch die Ebene von Oristano Richtung Guspini ist eher langweilig: Schnurgerade zieht sich die SS 126 durch Felder bis hinunter nach Guspini. Ab dort wird’s spannend: Ein Pass führt hinauf nach Arbus, innerhalb von nur 5 km geht’s rund 500 Höhenmeter rauf. Die Morgensonne taucht den Ort in ein warmes Licht. Wie Filmszenen fliegt das Leben an uns vorüber: Männer auf einer Bank vor der Kirche, buntes Obst vor einem Geschäft, der Duft von Kaffee, schwarzgekleidete Witwen, die Wäsche aufhängen, das Knattern der Vespa-Dreiräder.

Die SS 126 benimmt sich wie eine Straße im Hochgebirge: Serpentinen, Steigungen und Gefälle bis ca. 15 %, weite Kurven runter in Flußtäler, kurze Strecken durch Felder und Wälder.

Es ist schon wieder glühend heiß. Wir beschließen, uns einen schattigen Platz für eine Siesta zu suchen. Hinter Fluminimaggiore soll es einen restaurierten Phöniziertempel geben. Ich träume von einem Mittagsschlaf unter weißen Marmorsäulen. Wir besorgen uns ein Picknick und fahren zum Tempio di Antas. Auf einer Wiese in der glühenden Mittagshitze liegt ein brauner Steinhaufen, ein halbes Dutzend vom Wetter zernagter Säulen reckt sich in den Himmel. Von Schatten nicht die Spur. Dafür finden wir 200 m unterhalb des Tempels an einem Bach einen wunderbaren Platz für unsere Siesta.

Nach zwei Stunden Ruhe brechen wir auf, weiter in den Süden. Bei Porto Teulada erwartet uns ein landschaftlicher Höhepunkt. Die Straße läuft direkt an der rauhen Südküste entlang, viele kleine Buchten laden zum Übernachten ein.

An einem einsamen Felsstrand richten wir unser Nachtquartier, legen uns in die Schlafsäcke. Mit einer Flasche Rotwein in der Hand gucken wir in den Sternenhimmel. Ach, was für eine Ruhe und Idylle. Während wir noch weinselig unseren Gedanken nachhängen, wird die Stille jäh unterbrochen. Die Marine ist zu einem Manöver ausgelaufen, die halbe Nacht hört man das Donnern der riesigen Schiffsgeschütze. Das Echo wirft das dumpfe Grollen hundertfach zurück, an Schlaf ist nicht zu denken. Gegen 1 Uhr morgens haben sie sich endlich ausgetobt – endlich Ruhe.

Nach einem Bad im Meer schwingen wir uns auf die Motorräder und fahren Richtung Hauptstadt. Das erste, was mir in Cagliari auffällt, sind die Straßenbäume – sie blühen blau. Ich habe sowas noch nie gesehen. „Glicine“ nennen die Italiener diese Bäume. Sie verleihen den großen Straßen ein ganz eigenartiges Flair. Cagliari ist eine uralte Stadt: Schon knapp 2000 v. Chr. siedelten Menschen auf den Hügeln, im 8. Jahrhundert gründeten die Phönizier, das Seefahrervolk der Antike, an der Mündung des Mannu einen Stützpunkt. Später folgten Römer, Byzantiner, Pisaner, Piemonteser und die Italiener. Entsprechend vielfältig ist die Architektur.

Die Stadt glüht – schließlich ist Afrika nur etwas über 200 km Luftline entfernt. Wir suchen Abkühlung. Die Strände Richtung Villasimus sind schneeweiß. Und je weiter wir uns von Cagliari entfernen, desto leerer werden sie. Die Straße wird kurviger, die Landschaft hügeliger. Überall führen Stichstraßen zum Meer: Dort gibt´s große Buchten, kleine Buchten, Sandbuchten, Felsbuchten – wir haben die Wahl. Doch wir fahren weiter, wollen zum südöstlichsten Zipfel der Insel mit dem ulkigen Namen Capo Carbonara. Das „Spaghetti-Kap“ ist ein Urlaubstraum: Große, teure Hotels wechseln sich ab mit kleinen Feriendörfern und Campingplätzen. Wir essen an einem weißen Sandstrand, fahren dann zu einer einsamen Buch. Wir schnorcheln durch das glasklare Wasser: Die Sicht beträgt rund 20 Meter, die Fische sind bunt, das Meer herrlich ruhig und warm. Wiedermal vergeht die Zeit viel zu schnell.

Wir müssen weiter. Sanft schwingt sich die SS 125 durch Felder und Hügel Richtung Norden. Anders als auf Korsika sind hier die Flüsse schon Anfang Juni ausgetrocknet, trotzdem scheint die Gegend fruchtbar, die Vegetation ist üppig: Immer wieder entdecken wir blühende Bäume, fahren an ganzen Kakteenwäldern vorbei, auf grünen Wiesen grasen sogar Kühe – selten, für den tiefen Süden

Bei Baunei beginnt der schönste Teil der SS 125. Die Straße ist extrem kurvig, führt bis auf über 1000 m und ist so abwechslungsreich wie eine Dolomitenstraße. Doch der Spaß ist nicht ungefährlich: Kühe und Ziegen laufen frei herum, auf der Fahrbahn liegt oft Steinschlag – manchmal sogar kopfgroße Brocken. Trotzdem genießen wir jede Kurve, räubern um die Ecken.

Nach dem 1010 m hohen „Passo di Silana“ schwingt sich die SS 125 in engen Kehren hinunter nach Dorgali. Der Ort bietet einen atemberaubenden Blick über eine Hochebene mit verrückten Felsformationen und engen Schluchten.

Bei Orosei wird die Landschaft plötzlich wieder lieblicher: Die Vegetation üppiger, die Küste weicher. Aus Felsformationen werden lange, weiße Sandstrände. Egal, wo man zwischen Orosei und Olbia anhält, die 100 km lange Strecke ist ein einziger Superstrand: Immer wieder führen kleine Stichstraßen runter zum Meer, in der Vor- und Nachsaison findet man immer ein einsames Plätzchen.

Am Horizont taucht plötzlich ein riesiger Felsen auf: das Tavalora-Eiland, 7 km lang, 564 m hoch. Bis vor wenigen Jahren gab es hier noch Robben. Der Felsen erhebt sich schneeweiß aus dem blauen Meer, das Panorama ist fast schon kitschig.

Abends um 19 Uhr rollen wir wieder auf die „Sardegna Nova“, ergattern den selben Platz auf dem Oberdeck, den wir bei der Anreise hatten. Pünktlich um 21.30 Uhr läuft die gelbe Fähre aus. Wir stehen an der Reeling und schauen sehnsüchtig zurück. Ich denke an die Legende, wie Gott Sardinen erschaffen haben soll. Jetzt weiß ich, daß sie stimmt. Und: Gott muß Motorradfahrer sein. Denn er schenkte uns Sardinien. Und die SS 125.

Alles über Gottes kleinen Kontinent lesen Sie in "Sardinien - Motorrad-Reise".