Die Schönste lockt mit tollen Kurven
Es ist 7 Uhr früh. Sachte legt die „Corsica Vittoria II“ in Bastia an, spuckt ihre Ladung aus: Über 30 Laster, 300 Autos, Wohnmobile und rund 100 Motorräder drängen auf die engen Gassen der korsischen Hafenstadt Rush-hour in Bastia. Jeder will so schnell wie möglich weiter. Auch wir wollen nur raus aus der Stadt - uns erst mal von den Strapazen der langen Anreise erholen.
Unser erstes Ziel ist die Ostküste - Baden, Faulenzen, Schlemmen. Über die N 198 geht´s raus Richtung Süden. Korsikas Ostküste hat zwei Gesichter: Bis Solenzara ist sie flach wie der "Teutonengrill" in Oberitalien. Allerdings sind die Strände selbst in der Hochsaison nicht so überlau fen, und Strandwächter, die abkassieren und Liegestühle vermieten, gibt´s hier auch nicht. Der Sand ist fein und grau, in der Regel auch sauber.
Landschaftlich Reizvolles sucht man hier allerdings vergeblich. Die Orte bestehen meist nur aus ein paar Häusern an Straßenkreuzungen, einem Obststand, einem Restaurant und einer Bar, in der zwei Café-au-lait sechs bis acht Euro kosten.
Die großen Campingplätze und FKK-Zentren an der Küste zwischen Prunete und Bravone sind nicht jedermanns Sache, haben aber durchaus ihre Vorteile: Sie sind sauber, ruhig und hervorragend zum Faulenzen geeignet. Die Wassertemperatur ist ab Mai erträglich, im Hochsommer angenehm und sogar im Oktober ist Schwimmen für abgehärtete Biker kein Problem.
Nach drei Tagen rumhängen, lediglich unterbrochen durch ein paar kleine Ausflüge in die Umgebung, haben wir genug, wir wollen endlich richtig Motorradfahren, bepacken unsere Maschinen.
Auf der N 198 geht´s nach Aleria, dort biegen wir auf die N 200 nach Corte ab. 48 Kilometer sind´s bis zur Universitätsstadt in 900 m Höhe - 48 traumhafte Kilometer. Die N 200 windet sich am Tavignano entlang. Wie an allen Straßen Korsikas, die an Flussläufen entlangführen, laden auch hier immer wieder wirklich einsame Stellen zum Baden ein.
Corte liegt wunderschön: Auf einem rund 100 Meter hohen Felsen thront die Zitadelle hoch über der Altstadt. Wir stellen die Motorräder ab, bauen unser Zelt auf, erkunden die engen Straßen und Gassen, erklimmen die Zitadelle.
Rumlaufen macht hungrig. In einem kleinen Restaurant, essen wir zu Abend. Unser Menü beginnt mit Charcuterie Corse - korsischen Wurstwaren - einer Spezialität der Insel. Diese Vorspeise besteht meist aus hauchdünn geschnittener Coppa (durchwachsener Schweinekamm), Lonzu (Schweinefilet im Naturdarm) und Prizuttu (roher, luftgetrockneter Schinken). Das Fleisch für die Charcuterie Corse stammt von wilden Hausschweinen, die das ganze Jahr über frei auf der Insel herumstreifen. Als zweite Vorspeise bestellen wir korsische Suppe, als Hauptgericht Ragout vom Wildkaninchen. Und hinterher den berühmt-berüchtigten korsischen Käse: ein übel stinkendes, außen gelb bis bräunliches, innen weißes rundes Stück von göttlichem Geschmack. Zum Essen lassen wir uns einen Roten von der Insel servieren.
Am nächsten Morgen sind wir schon früh auf den Beinen. Wir wollen rauf ins Restonica-Tal am Fuße des Monte Rotondo, dem höchsten Berg der Insel (2625 m). Für viele ist das Restonica-Tal das schönste Korsikas. Schön ist es in der Tat, überlaufen auch. Und je später der Tag, desto größer werden die Touristenströme. 15 Kilometer führt die Straße über enge Kurven, irre Steigungen und abenteuerliche Abgründe das Tal hinauf, überwindet dabei fast 1000 Höhenmeter. Direkt neben der mit Schlaglöchern übersäten Asphaltpiste tobt die Restonica zu Tal, kurvt um riesige Felsblöcke, rauscht in kleine, versteckte Kessel, hüpft wieder raus, um in Kaskaden ins Tal zu stürzen. Das glasklare Wasser schreit förmlich nach einem erfrischenden Bad. Doch Vorsicht, der Bach ist saukalt!
Das ist´s auch am Ende der Straße: In 1370 Metern Höhe ist Schluss - und die Luft ganz schön frisch. Der Schotterparkplatz (ab mittags hoffnungslos überfüllt) ist Ausgangspunkt für tolle Wanderungen.
Bevor der große Ansturm kommt, fahren wir zurück. Mit Tempo 30 kriechen wir das Restonica-Tal runter, biegen auf die N 193 Richtung Calvi ein. Kurz hinter Ponte Leccia geht´s hinauf in die Asco-Schlucht. Das Sträßchen macht zunächst einen ziemlich langweiligen Eindruck - es ist bretteben, wenig kurvig. Richtig spannend wird´s ab Asco: Das Tal wird felsiger und enger, die Straße steigt steil an, es gibt nur noch Kurven. Und jede Menge Kühe, die am Straßenrand nach Futter suchen. Nach rund 15 Kilometern Kuhfladen-Slalom endet die Straße an einem Skilift. Der Ausblick ist phänomenal: ringsum stehen felsige Bergriesen, talwärts breiten sich endlose macchiabedeckte Hügelketten aus. Wir können uns kaum satt sehen, fahren erst spät wieder zurück nach Corte.
Am nächsten Morgen wedeln wir mit 80 bis 100 Sachen auf der kurvenreichen, griffigen N 200 wieder hinunter ans Meer. In Aleria wollen wir die römischen Ausgrabungen sehen: Ein kleiner Hügel, ein paar Mauern und einige zum Teil rekonstruierte Häuser - das ist alles. Kaum zu glauben, dass hier mal 20000 Römer gelebt haben sollen. Und doch war Aleria schon vor rund 2000 Jahren eine Großstadt mit Amphitheater, Flottenstützpunkt für Kriegsschiffe und Militär, von der aus die Römer Korsika unterwarfen.
Weiter Richtung Süden. Ab Solenzara zeit die Ostküste ein neues Gesicht: Die Landschaft wird schroffer, die Macchia rückt näher an die hügelige Straße heran. Unser Etappenziel ist Bonifacio, für viele die schönste Stadt Korsikas. Auf alle Fälle liegt sie am abenteuerlichsten: Die Häuser kleben auf einem rund 60 Meter hohen Kalksteinplateau, das von der Brandung teilweise schon unterspült ist. Man meint, der ganze Ort würde jeden Augenblick ins Meer stürzen. Im Hafen liegen Yachten, von denen wir uns nicht mal das Beiboot leisten könnten. Der Kai ist ein einziges Restaurant, dahinter stehen teure, schöne Hotels. Die Preise sind fast unerschwinglich, trotzdem ist Bonifacio Klasse: Die verwinkelten Gässchen auf dem Felsen haben eine ganz eigenartige, anheimelnde Atmosphäre - hier ist das Mittelalter zuhause.
Das Wasser rings um die Stadt ist türkisfarben und glasklar. Wir spazieren raus zum Leuchtturm. Von dort hat man einen tollen Blick auf das nur zwölf Kilometer entfernte Sardinien aber vor allem auf die Stadt: Denn von hier aus sieht man erst, wie stark der Felsen schon unterspült ist. Zuletzt brach 1967 ein riesiges Felsstück ab, stürzte mitsamt einem Haus ins Meer.
So schön die Stadt ist - es ist einfach zuviel Trubel. Wir sehnen uns nach Ruhe und nach Landstraße. Die Straße Richtung Sartène ist dafür genau das Richtige: Lange, schnelle Geraden wechseln sich mit engen Kurven und kleine Pässen ab. Die meisten Touristen fahren einfach durch, deshalb gibt´s hier noch den ein oder anderen einsamen Strand.
Nach einer kurzweiligen Fahrt erreichen wir Sartène, die korsischte aller Städte der Insel. Die Altstadt wirkt wie aus einer anderen, dunklen Zeit. Die Fensterläden der Dreigeschosser aus grauem Stein sind geschlossen, die Gassen wirken für Fremde wenig einladend. Das Gefühl trügt keineswegs: Vor rund 150 Jahren war Sartène die Hochburg der Morde, Jahrzehntelang war die Stadt Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen verschiedener Familienclans, bei denen hunderte Menschen starben.
Der nächste Tag ist wie geschaffen für eine Motorradtour: blauer Himmel, blaues Meer, die Straße griffig und kurvig. Kurz hinter Propriano biegen wir auf die D 157 ab. Wir wollen nach Filitosa, den berühmten prähistorischen Ausgrabungen. Nach dem Krieg kaufte der Pferdezüchter Charles Antoine Cesari 50 Hektar Land für seine Zucht. Eines Tages entdeckte er unter Gras einen riesigen, behauenen Stein, nicht weit davon entfer nt noch einen - insgesamt fünf Stück. Acht Jahre lang erzählte der Pferdezüchter immer wieder die Geschichte von den wertvollen Steinen, doch niemand glaubte ihm, viele hielten ihn ganz einfach für einen Spinner. Doch er gab nicht auf. Schließlich untersuchten Archäologen die Steine und stellten fest: Der Fund ist eine Sensation, die Anlagen wurden vor tausenden von Jahren errichtet.
Bis lange nach Mittag klettern wir auf den Steinen der Ur-Korsen herum, dann fahren wir weiter nach Ajaccio. In der heute quirligen Hafenstadt wurde am 15. August 1769 einer der größten Franzosen geboren: Kaiser Napoleon Bonaparte. Sonderlich kaiserlich war die Kindheit des großen Eroberers allerdings nicht. Seine Eltern waren arme Schlucker, lebten zusammen mit entfernten Verwandten in einem kleinen Haus in der Altstadt von Ajaccio. Napoleons Mutter Letizia, einer vom Ehrgeiz zerfressenen Frau, ist es zu verdanken, dass aus ihrem Sohn überhaupt etwas geworden ist: Sie fing mit einem Gesandten von König Louis ein Verhältnis an. Zum Dank wurden die Bonapartes geadelt, Napoleon durfte mit Unterstützung des Liebhabers der Mutter eine Ausbildung auf dem Festland machen. Der Rest ist bekannt: Der kleine Korse machte als Soldat eine Blitzkarriere, war mit 16 schon Artillerieleutnant, mit 22 Oberstleutnant, mit 26 Brigadegeneral, eroberte mit 29 die halbe Welt und wurde im Alter von 35 Jahren 1804 zum Kaiser von Frankreich gekrönt. Der Ruhm hielt nicht lange: Nach diversen Niederlagen, z.B. Waterloo, wurde Napoleon fortgejagt. Er starb mit 52 auf St. Helena in der Verbannung.
Kaiser hin oder her, uns zieht´s wieder auf die Landstraße. Denn ab Ajaccio wartet der schönste Küstenabschnitt der Insel: die Calanche mit ihren bizarren, roten Felsen, die steil aus dem blauen Meer herausragen. Die Straße dahin ist zunächst gut ausgebaut, wir machen ordentlich Tempo. Doch schon nach wenigen Kilometern zeigt sich Korsika von seiner wahren Seite. Die Gegend wird immer einsamer, nur ab und zu ein Dorf, ein paar Ziegen auf der Straße, mal eine Kuh. Die Fahrbahn wird rauher, die Straße kurviger, das Stundenmittel immer geringer. Nach rund zwei Stunden abwechslungsreicher Fahrt erreichen wir die Calanche.
Rund elf Kilometer schlängelt sich das Sträßchen von Piana (ca. 500 m hoch) nach Porto hinunter, durchbricht meterhohe, rote Felsen, umkurvt tiefe Täler und haushohe Felsnadeln. In der Mitte, am schönsten Fleck der Straße, gibt es eine kleine Bar mit Souvenirladen. Dort ist fast das ganze Jahr Stau - wegen der Touristenbusse mit Schaulustigen aus aller Welt.
Die Strecke hinter Porto legt fahrtechnisch noch einen drauf. An der rund 80 Kilometer langen Strecke bis Calvi gibt´s praktisch nur vier Siedlungen, dafür so gut wie kein gerades Stück Straße und viele Überraschungen: jede Menge Löcher, Sandhäufchen und Kuhfladen. Mit einem Schnitt von stolzen 38 km/h erreichen wir Calvi.
In den Gassen der Altstadt tobt hier abends das Leben: Vor der Calypso-Bar am Eingang zur Stadt stehen zwei finster dreinblickende Soldaten in Uniform bewaffnet mit Schlagstock und Pistole: "Police Militaire". Als wir in die Bar wollen, wird uns klar, warum sie davor stehen. Drinnen am Tresen sitzen leichtbekleidete Mädchen, dazwischen d urchtrainierte, kurzgeschorene Männer - das Calypso ist die Stammkneipe der Fremdenlegionäre, die hier in Calvi bei den Fallschirmjägern stationiert sind.
Am nächsten Morgen brechen wir zur letzten großen Tour auf: Die Umrundung des Cap Corse steht auf dem Programm. Schon kurz hinter St. Florent schlängelt sich die Küstenstraße direkt am Meer entlang, die Bikes sind dauernd in Schräglage: links, rechts, links, rechts - es ist wie schunkeln im Bierzelt, nur viel schöner.
Rund um das Cap Corse stehen 15 Genueser-Türme - nirgends sonst gibt es auf einer relativ kurzen Strecke so viele. Sie wuren auf Sichtweite um ganz Korsika errichtet, waren sozusagen die Alarmanlagen des Mittelalters. Wenn ein Späher fendliche Schiffe entdeckte, setzte er Signalflaggen, machte ein rauchiges Feuer oder Lärm. Angeblich konnte so in nur zwei Stunden die komplette Insel alarmiert werden.
Um 23 Uhr legt unsere Fähre in Bastia ab. Das Wetter ist schön - klar, dass wir wieder auf Deck schlafen. Für die Rückfahrt unterm Sternenhimmel haben wir uns auf der Insel noch mit einem besonderen Tropfen eingedeckt. Sachte entkorke ich die Flasche "Fiomicicoli". Mit dem Duft aus der Flasche steigen Erinnerungen empor - Erinnerungen an tolle Straßen, atemberaubende Landschaften, den Duft der Macchia, nette Menschen, blaues Meer und die Glut der Sonne. Kalliste nennen die Korsen ihre Insel - die Schönste. Wir stehen an der Reeling und schauen zu, wie die Lichter Korsikas in der Dunkelheit verschwinden. Kalliste, wir kommen wieder!
Das Buch "Korsika Motorrad-Reise" finden Sie hier.
|