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Kurvenrausch im Alpenglühen

Die Bretter der verwitterten Holzwände sind schon warm von der Vormittagssonne, der Cappuccino, den die Kellnerin mit einem freundlichen Lächeln vor uns hinstellt, dampft und duftet nach Italien. Nach der scharfen Pass-Auffahrt, bei der wir die Motoren ganz schön hochgedreht haben, dröhnt die Stille förmlich in den Ohren. Wir sitzen in rund 2000 Metern Höhe auf der Terrasse der Hütte am Würzjoch und blicken fast ehrfürchtig auf die Bergriesen. Auch nach rund einem Dutzend Touren in den Dolomiten hat dieses Gebiet für uns nichts an Faszination verloren. Und der „Einstieg“ übers Würzjoch ist einfach der schönste.

Zunächst ist die Straße ab Brixen gut ausgebaut, doch je weiter sie nach oben führt, umso enger werden Fahrbahn und Kurven. Innerhalb von nur rund 25 Kilometern überwindet die Pass-Straße rund 1400 Höhenmeter. Und immer wieder diese Ausblicke! Nach hinten ins Etschtal, nach vorne auf die gezackten, kahlen Felsriesen, die für die Dolomiten so typisch sind, links und rechts steile Almwiesen, dazwischen kleine Bäche, ab und zu Berghöfe, mal eine Kapelle. Auch die Abfahrt vom Würzjoch ins Gadertal hat es in sich, die kurvige, vom Frost zerfressene Straße macht Riesen-Spaß, fordert jedoch äußerste Konzentration.

Nach rund 20 Kilometern erreichen wir St. Martin. Es fällt auf, dass viele Schilder hier dreisprachig sind: deutsch, italienisch und ladinisch; letzteres ist ein Dialekt, der nur noch in wenigen Tälern der Dolomiten gesprochen wird.

Unsere Tour führt uns zunächst nochmal etwas an den Rand der Dolomiten - ein Abstecher, der sich lohnt. Die Fahrt nach Norden durchs Gadertal ist entspannend, die Fahrbahn gut ausgebaut. Nach wenigen Kilometern, bei Zwischenwasser, wartet die nächste Herausforderung: die Auffahrt zum 1759 Meter hohen Furkelsattel.

Erst in weiten dann immer engeren Kurven geht es hinauf, vorbei am Kronplatz, einem Panorama-Berg, der jedoch nur per Seilbahn zu erreichen ist. Wir fahren weiter runter ins romantische Pustertal. So schön das Tal, so grässlich der Trubel – hier läuft eine Haupverbindungsstrecke von West nach Ost. Nach rund zehn Kilometern im quirligen italienischen Verkehr biegen wir nach rechts ab - zwei lohnende Ziele warten hier.

Nach rund zehn Kilometern erreichen wir den Pragser Wildsee. Im Halbkreis stehen riesige Berge um den türkisfarbenen See, spiegeln sich auf der glatten Wasseroberfläche. Leider ist die Idylle, die auch mit Omnibussen erreichbar ist, längst kein Geheimtipp mehr (wenigsten parken Motorräder noch kostenlos) und so suchen wir nach einem kurzen Fotostopp das Weite.

Die Plätzwiese, rund 16 Kilometer rauf ins Gebirge (Motorrad am Parkplatz stehen lassen, ca. 300 m Fußweg weiter zur Alm), ist da schon mehr nach unserem Geschmack. Das Gasthaus ist für Dolomiten-Verhältnisse preiswert, die Küche gut, das tolle Panorama kostenlos und das Publikum besteht hauptsächlich aus freundlichen Wanderern. Bis vor einigen Jahren konnten Enduristen von der Plätzwiese weiter runter nach Schluderbach fahren, doch inzwischen gehört die Schotterstraße zum Naturschutzgebiet, die Weiterfahrt ist verboten, das Verbot wird auch kontrolliert. So drehen wir um, bummeln die kleine Straße zurück ins Pustertal und nehmen die nächste Einfahrt von Toblach Richtung Cortina d'Ampezzo.

Die Straße ab Toblach ist stellenweise schnurgerade. Und das ist auch gut so – in aller Ruhe und Ausführlichkeit genießen wir den Blick auf das über 3200 Meter hohe Massiv des Monte Cristallo, dessen schneebedeckte Gipfel in der Sonne wie Kristalle glitzern. Je nach Fahrlaune und Zeit geht’s ab Schluderbach gleich links Richtung Misurina oder (etwas weiter, sehr empfehlenswert) rechts über die Olympia-Stadt Cortina d’Ampezzo und über den abenteuerlichen Passo Tre Croci zum Misurina-See.

Gleich hinter dem See (im Norden) zweigen wir auf die gebührenpflichtige Dreizinnenstraße ab. Die Straße gehört zu den schönsten in den Dolomiten (nur sechs Monate im Jahr offen), entsprechend viel Verkehr ist während der Saison. Wer uriges Ambiente liebt, sollte sich eine nicht ganz billige Übernachtung oben im Refugio Auronzo ((2320 m hoch, geöffnet Juli bis September) gönnen, die Stimmung abends und am frühen Morgen ist jeden Euro wert.

Am Fuße der Dreizinnenstraße zweigt ein asphaltierter Fahrweg nach rechts ab – hier geht’s rauf zum Monte Piana. In über 2000 Metern Höhe wurde dort ein Freiluftmuseum eingerichtet, in dem die Schlachten während des ersten Weltkrieges dokumentiert sind. Je nach Saison ist das Museum nur per Jeep-Shuttle (Hochsaison) oder auf eigenen Rädern (Frühjahr und Herbst) erreichbar. Straße und Aussicht sind lohnende Ziele.

Vom Misurina-See geht es erst in engen, dann immer weiteren Kurven entlang eines kleinen Flusses hinunter ins Tal. Oben, an der Gruppo delle Marmarole mit ihren fast 3000 Meter hohen Gipfeln, ist die Landschaft noch kahl, doch je weiter wir runter fahren, desto lieblicher wird die Vegetation, am Straßenrand stehen Obstbäume, in den Gärten blühen bunte Blumen und südländische Sträucher. Der Höhen- und Temperatur-Unterschied ist enorm, von der Dreizinnenstraße bis runter nach Auronzo sind es fast 1500 Meter. Bei einem Stopp am Stausee Lago di Caterina in Auronzo di Caudore fällt der Blick zurück auf die Bergriesen. Ein letztes Mal sehen wir die Dreizinnen in ihrer ganzen Schönheit. Und weil das Wetter so klar ist, erkennen wir sogar ganz in der Ferne das Rifugio Auronzo unterhalb der Gipfel.

„51bis“ heißt die gut ausgebaute Straße, die wir weiter Richtung Südwesten fahren. Die Fahrt geht durch kleine Ortschaften, ab und zu erhaschen wir einen Blick auf einen Brunnen, ein herrschaftliches Gebäude, dessen bessere Zeiten längst vorüber sind oder ein Straßencafe.

Hinter Venas verlassen wir die Hauptstraße, fahren nach links wieder ins Gebirge. Ein kleines Sträßchen führt landschaftlich wunderschön rauf bis auf 1530 Meter zum Passo Cibiana. Im Gegensatz zur Hauptstraße ist der Pass selbst in der Hochsaison kaum befahren. Und die Fahrt hinunter mit Gefällen bis zu 20 Prozent ist ein fahrerischer Leckerbissen. Dabei ist das erst der Anfang: Ab jetzt beginnt das Schlaraffenland für Kurvenfreunde.

In Forno biegen wir rechts Richtung Cortina ab. Und es geht schon wieder bergauf. Rund 20 Kilometer lang ist der Anstieg zum Passo Staulanza – viele Kurven, mäßige Steigung. Die Passhöhe in 1766 Metern Höhe führt zwischen mächtigen 3000-ern hindurch. In unzähligen Kurven geht es wieder etwas hinunter ins Tal und schon ein paar Kilometer zweigt die Straße nach rechts zu einem der schönsten Pässe der Dolomiten ab, dem Passo di Giau (2233 m). Fahrerisch gehört er zum Anspruchsvollsten, was die Dolomiten zu bieten haben. Hier ist nichts mit sanftem Anfang, hier geht’s sofort zur Sache: Kaum eine Kurve ist gleichmäßig, die meisten dazu auch noch unübersichtlich, der Straßenbelag ist wellig und wechselnd, der Frost hat ganze Arbeit geleistet. Das Panorama oben ist einzigartig – der Rundblick beträgt über 270 Grad.

Die 14 Kilometer runter vergehen wie im Flug. Kurz vor Cortina mündet der Giau auf die Hauptstraße, die sogenannte Große Dolomitenstraße. Im Touristenverkehr schwimmen wir zwischen Reisebussen und italienischen Möchtegern-Rennfahrern mit, schwingen rauf auf den Passo di Falzarego (2105). Zeit für eine Pause, Zeit für einen Rundblick.

Seltsam hier. Eine Kreuzung in über 2000 Metern Höhe? Auch der Lagazuoi (2762 m), der Berg, an dessen Flanke sich der Falzarego schmiegt, sieht seltsam aus – eine Riesen-Geröllhalde reicht von kurz unterhalb des Gipfels bis weit runter. Was ist hier geschehen? Die Antworten reichen fast 90 Jahre zurück. Um dieses kahle Stück Berg tobten wie überall in den Dolomiten blutige Schlachten. Hier am Falzarego trieben Österreicher und Italiener aus verschiedenen Richtungen Stollen in den Berg, sprengten sich dann gegenseitig in die Luft. Der Erste Weltkrieg ist auch Grund dafür, dass die Dolomiten so gut erschlossen sind. Die vielen Wege wurden ursprünglich zu Militärzwecken angelegt, erst Jahrzehnte später zu Touristenstraßen aus- und umgebaut.

Nach einem Abstecher rauf zum Passo di Valparola (2197 m) fahren wir den Falzarego runter nach Arabba. Der 1602 m hoch gelegene Ort ist unser Ausgangspunkt für die wohl interessanteste Tour der Dolomiten: Einmal rund um die Sellagruppe - vier Pässe in noch nicht mal 50 Kilometern.

Ob links- oder rechtsrum ist Geschmackssache. Wir fahren gegen den Uhrzeigersinn. Der Campolongo ist sozusagen der Pass zum Aufwärmen: 1875 m hoch, gut berechenbare und übersichtliche Kurven, 2001 neu geteert. Nach elf Kilometern ist der Spaß leider schon vorbei. Doch hinter Corvara wartet das Grödner Joch (2121 m): Lange Gerade wechseln sich mit Serpentinen ab – die Auffahrt ist ein Genuss aber eher harmlos. Ganz anders die Abfahrt: Die Kurven werden enger, der Straßenverlauf anspruchsvoller. Auf halber Höhe geht’s weiter rauf zum Sellajoch (2244 m), wieder runter zur Baumgrenze und dann schon wieder rauf zum Pordoijoch (2239 m), der fahrerischen Krönung der Sella-Runde. In nicht weniger als 33 Kehren schwingen wir das Pordoijoch hinunter nach Arabba.

Kurz vor Sonnenuntergang fahren wir nochmal rauf aufs Pordoi. Es ist leicht bewölkt - gute Chancen, nach dem Kurvenrausch auch noch ein wunderbares Naturschauspiel zu beobachten: das Alpenglühen. Wenn die untergehende Sonne im Westen von unten die Dunstschicht bescheint, wird das Licht auf die Bergspitzen geworfen, die dann für Minuten in Gelb, Purpur und Violett leuchten.

Ein Highlight wartet noch auf uns - der höchste Gipfel der Dolomiten. Zunächst fahren wir von Arabba Richtung Falzarego, rechts hinunter ins Tal nach Caprile, von dort Richtung Passo di Fedaja. In Sottoguda lohnt ein Abstecher: Hinter dem Ort verläuft noch ein Stück alte Straße durch eine canyonartige Schlucht (während der Hochsaison für Motorfahrzeuge gesperrt), die nach wenigen Kilometern wieder in die neue Straße mündet. Nach rund sechs Kilometern erreichen wir den Chiacciaio delle Marmolada, einen über 2050 Meter hoch gelegenen Stausee. Darüber leuchtet der eisbedeckte Gipfel der Marmolada.

Kurz unterhalb des Gipfels tauchen wir wieder unter die Baumgrenze, fahren durch dichte Wälder nach Canazei. Nach den kahlen und eisbedeckten Bergriesen streicheln das viele Grün und die blühenden Gärten des Fassatals Augen und Seele. Trotzdem wollen wir nochmal rauf ins Karst, wollen jeden Kilometer der Ausfahrt aus den Dolomiten genießen. Über Karerpass (1745 m) am Fuße des Rosengartens geht es Richtung Bozen. Auch am westlichen Rand der Dolomiten gibt es noch lohnenswerte Ziele: Seis, mit Abstecher auf die romantische, aber total überlaufene Seiseralm, Kastelruth, St. Ulrich im Grödnertal mit seinen vielen Schnitzern ...

Schließlich biegen wir doch wehmütig auf die Autostrada Richtung Brenner ein. Bei Brixen erhaschen wir einen letzten Blick auf die kahlen Gipfel der Dolomiten. Auch diese Tour wird nicht die letzte gewesen sein.

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