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Auf den Spuren des Märchenkönigs

Leise plätschern die Wellen ans Ufer des Starnberger Sees. Ein paar Enten lassen sich in der Morgensonne auf der glatten Wasseroberfläche treiben, in den Bäumen des Schlossgartens von Berg zwitschern die Vögel. Plötzlich Lärm, überall Polizei: „Sie haben ihn gefunden! Sie haben den König im See gefunden!“ Wenige Meter vom Ufer entfernt, wo das Wasser nur einen Meter tief ist, haben Gendarmen auf dem Grund des Sees ihren König entdeckt, ein Stück entfernt den Leibarzt des Monarchen, Dr. Gudden. Die halbe Nacht hatten die Uniformierten halb verrückt vor Sorge nach dem 43-jährigen Ludwig II. gesucht, der am Abend nach einem Spaziergang mit seinem Arzt nicht mehr zurückgekommen war. Jetzt, am Pfingstmontag, den 13. Juni 1863, haben sie die traurige Gewissheit: Der König ist tot.

139 Jahre später stehen wir morgens am Ufer des Starnberger Sees. Leise plätschern die Wellen um ein Holzkreuz im Wasser, es steht genau an der Stelle, an der die königlichen Soldaten den Leichnam ihres Monarchen geborgen hatten. 139 Jahre nach seinem Tod pilgern noch immer Menschen aus aller Welt an diesen Ort, legen Blumen am Ufer nieder. Hier, an der Stelle, an der Ludwig II. unter ungeklärten Umständen sein Ende fand, nimmt unsere Reise auf den Spuren des Märchenkönigs ihren Anfang - rund 300 Kilometer Fahrt durch eine der schönsten Ecken Bayerns und das angrenzende Tirol.

Der Verkehrslärm und das Gewühl der Nobel-Stadt Starnberg trifft uns nach der Stille des Schlossparks wie ein Schock. Bloß raus aus dem Gewühl aus großen Limousinen und teuren Sportwagen, weg von der Kulisse aus Villen und teuren Geschäften.

Die kleinen Straßen Richtung Südwesten sind kurvig und einsam, die Landschaft gepflegt wie ein Garten. Äcker und Obstgärten wechseln sich ab, dazwischen liegen malerische Dörfer mit pittoresken Kirchtürmen und Sehenswüridgkeiten wie Kloster Andechs, berühmt für das Starkbier der Mönche. Wir halten uns von den Hauptstraßen fern, durchfahren winzige Ortschaften wie Rott, Birkland, Herzogsägmühle, vorbei an Schongau weiter über Altenstadt nach Sachsenried. Dort machen wir auf einem kleinen Hügel Halt, genießen das Panorama: In der Ferne sehen wir die Gipfel der Ammergauer Alpen. Da wollen wir hin - auf kurvenreichen Nebenstrecken bis nach Hohenschwangau.

Ein Reisebus bremst kurz hinter Hohenschwangau urplötzlich unseren Vortrieb. Der Fahrer hat mitten auf der Straße angehalten, seine Fahrgäste auf freier Strecke aussteigen lassen. An die 50 Japaner, die Kamera im Anschlag versperren uns den Weg. Sie würdigen den Verkehr keines Blickes, haben nur eines im Sucher: Europas berühmtestes Fotomotiv, Schloss Neuschwanstein am Fuße des Tegelberges.

Als Ludwig im Jahre 1864 nach dem überraschenden Tod seines Vaters im Alter von 18 Jahren zum König gekrönt wurde, verfügte er nur zehn Tage nach der Amtsübernahme: „Es ist mein Wille, dass jegliche Sparsamkeit und Knauserei ende.“ Und das meinte der Monarch, der von seinem Vater immer recht kurz gehalten worden war, wörtlich. Innerhalb seiner Regentschaft gab er die für damalige Verhältnisse unvorstellbare Summe von rund 45 Millionen Mark aus, zwei Drittel davon aus dem Staatshaushalt, über 15 Millionen machte er private Schulden.

Neuschwanstein war das erste der ehrgeizigen Projekte des Königs, der in einer Traumwelt des Mittelalters mit Idealen wie Gottesfürchtigkeit, reiner Liebe und Rittertum lebte. Hier, in dem Schloss, das erst nach seinem Tod fertiggestellt wurde, zog er sich vor der Realität zurück, ließ sich nachts mit der Kutsche oder dem Pferdeschlitten herumfahren, ruderte im Mondlicht über den Alpsee.

Schloss Neuschwanstein, das gleich daneben liegende Schloss Hohenschwangau, in dem Ludwig seine Jugend verbrachte, und der Alpsee, ziehen Touristen aus aller Welt an. Weit über eine Million kommen jedes Jahr hierher, staunen über die Burg, die an Zuckerwerk erinnert und schwelgen bei Schlossführungen im Pomp des Bayernkönigs. 13 Euro kostet der Eintritt für Neuschwanstein und Hohenschwangau, die 1,50 Euro Parkgebühren für ein Motorrad sind da vergleichsweise fast ein Sonderangebot.

Doch der „Kini“, wie ihn die Bayern noch immer liebevoll nennen, hat nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil. Wenige Kilometer vom Schloss enfernt, direkt am Ufer des Forggensees, wurde vor zwei Jahren ein Musicaltheater gebaut. Auf dem Spielplan steht nur ein Stück: „König Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies“. Inzwischen haben fast eine Million Besucher das 140 Minuten lange Stück gesehen (Karten zwischen 45 und 120 Euro).

Es ist heiß, wir sehnen uns nach Fahrtwind und der Kühle des Gebirges. Über Pfronten fahren wir durch die Tannheimer Berge nach Tirol rauf ins Tannheimer Tal. Nach soviel Kultur genau das Richtige. Die Straße verläuft an einem Bach, folgt jeder Krümmung des kleinen Rinnsales. Nach rund 15 Kilometern kurvenwedeln erreichen wir den Haldensee, einen idyllisch gelegenen Bergsee, mit schönen Badestränden. Die Straße führt weiter auf dem Gaichtpass bis auf 1082 Meter, dann geht´s richtig schön bergab: Die Fahrbahn ist schmal, die Kurven eng, viel zu schnell sind wir unten im Lechtal. Doch hinter Reutte wartet schon der nächste Leckerbissen: In vielen Kurven geht´s rauf zum Plansee, einem türkis schimmernden, eiskalten Gebirgswasser, das selbst an heißesten Sommertagen wirkliche Erfrischung bietet.

In schier unendlich vielen Kurven führt die Straße weiter rauf ins Gebirge. Wir fahren ständig an einem Bach entlang, oben, nach einer Wasserscheide treffen wir schon wieder auf den nächsten, die Ammer. Immer wieder laden hier kleine Stichstraßen und schattige Kiesbänke zu einer Pause ein. Das ändert sich schlagartig nach der Grenze: Überall wo´s schön ist, stehen Schilder wie „Lagern verboten“, „Campieren verboten“, dieses und jenes verboten – Deutschland hat uns wieder. Nach ein paar Kilometern erreichen wir Schloss Linderhof, ein weiteres Kleinod des Bayernkönigs.

Sein Vater, König Max II., hatte an dieser Stelle im Graswangtal ein kleines Gut, das er zu Jagdausflügen nutzte. Ludwig war oft mit seinem Vater hier gewesen. Er hasste die Jagd, liebte aber das Tal über alles. Deshalb wollte er sich hier das größte Denkmal setzen: ein Schloss, so schön wie Versailles. Weil das Tal jedoch zu eng war, ließ er sein zweites Versailles auf der Insel Herrenchiemsee errichten, baute hier lediglich eine „Königliche Villa“ – Schloss Linderhof.

Die Villa hat´s in sich: Die Ausstattung Linderhofs ist unglaublich prunkvoll und verspielt. Wem beim Betrachten der Tapeten, Böden und verschnörkelten Möbel unwillkürlich „Kitsch“ einfällt, liegt gar nicht mal so falsch – der Begriff wurde im 19. Jahrhundert von Münchner Intellektuellen erfunden, bezog sich tatsächlich auf Ludwigs Kunstgeschmack.

Während sich Luwig immer mehr von seinen Amtsgeschäften zurückzog, in seinen Märchenschlössern neue, noch hochfahrendere Baupläne entwickelte, braute sich das Unheil zusammen. In den Zeitungen in Wien und München wurde offen über seine Absetzung spekuliert. Wenig später erklärte eine Ärztekommission im Auftrag der Regierung Ludwig für verrückt – ohne ihn ein einziges Mal untersucht zu haben. Am 12. Juni morgens um 4 Uhr wurde der König verhaftet, in eine Kutsche gesperrt und nach Berg am Starnberger See gebracht.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang im Garten von Schloss Linderhof setzen wir uns auf die Motorräder, machen uns auf den Weg zum Ausgangspunkt unserer Reise. Wir fahren durch das Graswangtal, durch das König Ludwig so oft geritten war. Vorbei an Kloster Ettal, das er so geliebt hat, weiter nach Oberammergau mit seinen Lüftelmalereien an den Häusern und den Passionsspielen, deren Darsteller der König so verehrte.

Bei Rottenbuch verlassen wir die Bundesstraße, biegen ins Ammertal ein. Eine Straße, wie für Motorradfahrer gemacht: bergauf, bergab, viele Kurven, immer wieder kleine Brücken, die über die Ammer führen. Bei Peißenberg machen wir noch einen Abstecher auf den Hohenpeißenberg mit seinem traumhaften Ausblick aufs Gebirge.

Ab Peißenberg wird die Landschaft wieder lieblicher, schließlich erreichen wir bei Seeshaupt den Starnberger See. Am Mittag des 12. Juni war König Ludwig das letzte Mal hier, nach sechs Stunden Gefangenschaft in der Kutsche bat er um ein Glas Wasser, das ihm die Wirtin des Gasthofes zur Post durchs Kutschenfenster reichte. „Danke, danke, danke“, sagte der König überschwänglich zu der einfachen Frau.

Auf der Straße am Starnberger See sehen wir ein letztes Mal die Berge im Rückspiegel. Auch König Ludwig hat sie ein letztes Mal gesehen - als Gefangener seines eigenen Staates. Einen Tag später war er tot. War es Mord oder Selbstmord oder nur ein Unfall? Die genauen Umstände seines Todes wurden nie geklärt. Ludwig II. wollte, dass seine Schlösser nach seinem Tod gesprengt werden, damit sie der rohen, unkultivierten Außenwelt nich in die Hände fallen. Doch schon wenige Monate nach seinem Tod wurden sie für Besucher geöffnet. Und so lebt der tote König durch seine unvergleichlichen Bauwerken in den Herzen der Menschen weiter.

Das war ein Kapitel aus dem demnächst erscheinenden Buch: "Alpentouren zwischen Salzburg und Bodensee". Lust auf mehr? Über das Kontaktformular können Sie das Buch vorbestellen.